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Epiktet macht glücklich: 12 stoische Wahrheiten für Deine Seelenruhe

Es gibt Millionen Gründe unglücklich zu sein. Und man kann diese Gründe sein ganzes Leben lang analysieren, die Fehler erkennen und was hätte anders laufen müssen oder anders laufen müsste, und trotzdem unglücklich sein. Das bedeutet, dass wir unseren Fokus neu ausrichten sollten. Was würde geschehen, wenn wir beginnen würden, unsere eigene Perspektive auf die Dinge zu verändern? Wenn wir so leben würden, dass Unglück gar nicht aufkommen kann? Wenn wir uns darin üben würden, frei von Leid zu bleiben? Was wäre, wenn uns nichts in unserer Seelenruhe erschüttern könnte?

Philosophie als Lebensform

Eins möchte ich vorwegnehmen: Leider verstehen viele Menschen, inklusive der Dozenten und Professoren an den Universitäten, unter Philosophie eine rein theoretische Auseinandersetzung mit der Realität. Das ist aber erst seit einigen Jahrhunderten so. Vorher war Philosophie immer auch, und meistens sogar in erster Linie, eine praktische Lebensauffassung! Das Ziel bildet das glückselige Leben. Denn, um es mit Aristoteles zu sagen, das Glück ist das am meisten abschließende Ziel, das man sich vorstellen kann. Mit anderen Worten: Wenn man glücklich ist, was will man mehr!?

Eine der bedeutendsten Philosophien in diesem Sinne ist die Stoa. Die Stoa wurde von Zenon ca. 300 v. Chr. gegründet und ihr letzter bedeutender Vertreter war Marc Aurel, der 180 n. Chr. gestorben ist. Die Stoa bestand also über 500 Jahre lang und hat Einflüsse bis heute! Um zu verstehen, warum die Stoa so populär war und ist, und warum sie meiner Meinung nach eine zeitlose europäische Philosophie und besonders hilfreiche Glückslehre ist, werde ich hier zwölf Zitate von Epiktet vorstellen und kommentieren. Dann kann ich hoffentlich klar zeigen, worin die Faszination des stoischen Lebens besteht.

Einleitend ein längeres Zitat von Epiktet, welches den Kern seiner Philosophie darstellt:

„Von den Dingen stehen die einen in unserer Gewalt, die anderen nicht. In unserer Gewalt stehen: unsere Meinung, unser Handeln, unser Begehren und Meiden — Kurz: all unser Tun, das von uns ausgeht.
Nicht in unserer Gewalt stehen: unser Leib, unser Besitz, Ansehen, äußere Stellung — mit einem Worte: alles, was nicht unser Tun ist.

Was ist unserer Gewalt steht, ist von Natur frei, kann nicht gehindert oder gehemmt werden; was aber nicht in unserer Gewalt steht, ist hinfällig, unfrei, kann gehindert werden, steht unter dem Einfluss anderer. Sei dir also darüber klar: wenn du das von Natur Unfreie für frei, das Fremde dagegen für dein Eigentum hältst, dann wirst du nur Unannehmlichkeiten haben, wirst klagen, wirst dich aufregen, wirst mit Gott und der Welt hadern; hältst du aber nur das für dein Eigentum, was wirklich dein ist, das Fremde dagegen für fremd, dann kann kein Mensch einen Zwang auf dich ausüben, niemand dir etwas in den Weg legen, du wirst niemandem Vorwürfe machen, niemandem die Schuld geben, wirst nichts gegen deinen Willen tun, niemand kann dir dann schaden, du wirst keinen Feind haben, denn du wirst überhaupt keinen Schaden erleiden.“

Epiktet trifft hier die Unterscheidung zwischen den Dingen, die sich unter unserem Einfluss befinden, und Dingen, die außerhalb unserer Macht liegen. Denken, Handeln und unsere Reaktion auf Gefühle und Sinneswahrnehmungen (Begehren und Meiden) stehen vollkommen unter unserer Kontrolle. Da alle anderen Dinge nicht unter unserer Kontrolle sind, brauchen wir uns nicht um sie zu kümmern, da sie für das Erreichen des Glücks irrelevant sind. Von ihnen die Seelenruhe abhängig zu machen, wäre unklug.

Die Radikalität der Stoa

Die Stoa ist also sehr radikal in ihren Ansichten. Das ist nicht negativ gemeint. Das Wort radikal kommt vom lateinischen „radix“, was soviel wie Wurzel heißt. Die Stoiker versuchen, das Problem an der Wurzel zu packen. Und das Problem besteht darin, dass wir unser Glück an Dinge hängen, die nicht unter unserer Kontrolle sind, sondern die durch alle möglichen Gründe zugrunde gehen können. Heißt das, dass wir tatenlos in der Welt sein sollen, und uns nur um uns selbst kümmern sollen? Nein heißt es nicht. Denn Handeln steht ja in in unserer Gewalt. Und tatsächlich gab es in der Antike Stoiker, die zum Beispiel politische Ämter bekleideten. Nur, weil wir zugestehen, dass wir über die allermeisten Dinge keine Kontrolle haben, heißt das ja nicht, dass wir tatenlos bleiben.

Epiktet fordert allerdings dazu auf, die Sichtweise auf die Dinge zu ändern:

„Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen über die Dinge.“

Das bedeutet, wir sollten den Dingen, die wir nicht beeinflussen können, mit einer grundlegenden Gelassenheit und mit Gleichmut gegenüberstehen:

„Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird dir gut gehen.“

Wie können wir vertrauen?

Dem modernen Menschen missfällt die Vorstellung des Schicksals. Was heißt Schicksal? Ich selbst definiere Schicksal so, dass die Dinge passieren, wie sie passieren. Ob das Schicksal nun komplett vorherbestimmt ist oder nicht: Dinge geschehen einfach und wir müssen uns fügen bzw. einen Umgang mit dem Schicksal finden. Das heißt, auch wenn wir uns gegen bestimmte Dinge auflehnen, weil sie uns missfallen, gehört das zu unserem Schicksal. Die Dinge passieren, wie sie passieren und auf über 99% dieses Geschehens haben wir keinen Einfluss. Wir können dem Schicksal, d.h. dem Passieren an sich, nicht entrinnen. Das einzige was man tun kann, ist zu vertrauen. Das klingt erstmal pessimistisch. In der Antike war es aber ein Kennzeichen von Weisheit!

„Wer dem unausweichlichen Schicksal sich in rechter Weise fügt, der gilt als weise uns und kennt der Götter Walten.“

Aber wie können wir Vertrauen in das unausweichliche Schicksal entwickeln? Wir müssen uns vor Augen führen, dass schlimme Dinge passieren können und sie sozusagen vorwegnehmen, um dann auf sie mit ruhigem, heiterem Gleichmut reagieren zu können.

„Tod, Verbannung, überhaupt alles, was allgemein für schrecklich gilt, halte dir täglich vor Augen, vor allem aber den Tod! Dann wirst du niemals etwas Niedriges denken oder übermäßig nach etwas begehren.“

Seelenruhe

In der Antike war die Existenz der Seele eine geläufige Vorstellung. Epiktet war ebenfalls von der Existenz der Seele und der Existenz Gottes überzeugt. Daher wurde seine Philosophie im Laufe der Jahrhunderte auch in das Christentum integriert. Wenn man erkennt, dass die Begierden des Körperlichen unstillbar und endlos sind, wird man der Sinnlosigkeit im zwanghaften Bemühen um körperliches Wohlbefinden gewahr. Oder wie es Epiktet formuliert:

„Zwei Gäste sind es, die du stets bewirtest: deinen Leib und deine Seele. Was du dem Leib bietest, gibst du bald wieder her. Was du aber der Seele bietest, behältst du für immer.“

Aber ganz gleich, ob es die Seele nun gibt oder nicht — das Gefühl, in unzerstörbarer Ruhe und Zufriedenheit zu sein, ist unschätzbar wertvoll! Daher hat Epiktet in meinen Augen recht, wenn er der Seele oder der Psyche, bzw. unserer Meinung über die Dinge einen Vorrang einräumt. Wir können lernen, den Dingen furchtlos und fröhlich zu begegnen. Nun will ich Dir eine klassische stoische Übung vorstellen, die Dir zu Deiner Seelenruhe verhelfen kann! Am Ende des Artikels findest Du die restlichen Zitate.

Übung für die Seelenruhe

„Sei kein abhängiger Patient – heile deine eigene Seele.“

Hinweis: Diese Übung arbeitet zunächst mit negativen Vorstellungen. Überlege Dir gut, ob Du Dich gut genug fühlst, diese negativen Vorstellungen verarbeiten zu können! Der Sinn dieser Übung ist, dass Du Dich danach gelassen und heiter fühlst!

  1. Such Dir einen bequemen Platz
  2. Überlege, was Dir in der äußeren Welt wichtig ist. Zum Beispiel können das sein: der Job, Anerkennung, die Beziehung, bestimmte Vergnügungen, die eigene Gesundheit, etc. Wenn du magst, kannst du diese Dinge auch aufschreiben.
  3. Nimm Dir nun Zeit, dir auf alle möglichen Arten vorzustellen, wie dir diese Dinge genommen werden. Wenn dir zum Beispiel deine Gesundheit und deine Fitness wichtig sind, versuche Dir vorzustellen, dass du krank bist, alt und gebrechlich bist. Mach dir klar, dass Dir in der Welt alle Dinge genommen werden können. Denke anschließend daran, dass Du stirbst, und dass Du alle Dinge auf der Erde hinter Dir lassen musst.
  4. Indem du dir diese Dinge vorstellst, wirst Du merken, dass sie ihren Schrecken verlieren und dass Du einen natürlichen inneren Frieden in Dir trägst, der diesen Dingen ruhig begegnen kann. Vergegenwärtige Dir, dass Du in diesem Augenblick am Leben bist und alles hast, was Du zum weiterleben brauchst. Betrachte diesen Augenblick und dein Leben als unendlich kostbares Geschenk! Genieße das Gefühl der Dankbarkeit und inneren Ruhe und lass es sich ausbreiten!

Diese Übung entfaltet dann am meisten Wirkung, wenn man sie täglich praktiziert, denn es geht um eine grundlegende Änderung der Sichtweise. Man kann sich in jedem Augenblick die Vergänglichkeit aller Dinge vor Augen rufen, und im Anschluss wieder erinnern, wie wertvoll dieser Augenblick und das Leben ist. Es geht also nicht darum, in nihilistischen oder morbiden Gedankenwelten zu schweben. Sondern es geht darum, in Einklang mit der Wirklichkeit zu kommen, die nun einmal vergänglich ist. Durch diesen Einklang können wir die tiefe innere Seelenruhe in uns finden, die im Grunde genommen schon immer da war. Siehe auch den Artikel zu Ramana Maharshi.

 


Die restlichen Zitate

„Wisse: wenn es dir einmal widerfährt, in den Strudel der Außenwelt gezogen zu werden, so dass du einem andern gefallen willst, dann bist du von deinen Grundsätzen abgefallen. Es muss dir deshalb in allen Verhältnissen genügen, ein Philosoph zu sein. Willst du außerdem als solcher angesehen werden, so sieh dich selbst als solchen an und sei zufrieden.“

„Sowenig wie ein Ziel aufgestellt wird, damit man es verfehle, sowenig hat das Übel von Natur einen Platz in der Welt.“

„Das Kleinlichste auf Erden ist Habsucht, Vergnügungssucht und Großsprecherei, – das Größte: Großmut, Sanftmut, Wohltätigkeit.“

„Wer niemanden liebt, mache sich darauf gefasst, von niemandem geliebt zu werden.“

„Es ist ebenso schwierig für die Reichen, Weisheit zu erlangen, wie für die Weisen, Reichtum zu erlangen.“

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