Warum Wilhelm Reich schon vor über 90 Jahren wusste, dass mit unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt

Wilhelm Reich ist im engeren Sinne kein Philosoph, dennoch stellt die Psychoanalyse von Sigmund Freud, als deren konsequenter Fortsetzer sich Reich versteht, ein weltanschauliches System dar, welches sich durchaus auch als philosophisch versteht. Wilhelm Reich war einer von vielen Freud-Schülern, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien regelmäßig zusammentrafen und die Psychoanalyse diskutierten. Wie allgemein bekannt ist, sah Freud in der Unterdrückung der (frühkindlichen) Libido und seiner Liebesbedürfnisse die wesentliche Ursache für psychologische Störungen bzw. Neurosen. Freuds Ansatz in der Psychoanalyse bestand darin, diese frühkindlichen Konflikte, die während der Psychoanalyse in verzerrter Form auftreten, richtig zu deuten und sie dadurch bewusst zu machen. Durch diese Bewusstwerdung sollte dann die Heilung geschehen.

Reich teilte diesen Ansatz, stellte in seiner therapeutischen Praxis jedoch fest, dass seine Patienten im Laufe der Therapie zwar über ein Bewusstsein ihrer frühkindlichen Störungen verfügten, dass ihre Symptome sich aber dennoch nicht linderten. Daher kam er zur Ansicht, dass den Patienten ihre frühkindlichen Konflikte zwischen Libido und Außenwelt nicht nur verbal bewusst werden müssen, sondern auch affektiv und emotional. Was dem im Weg stand, waren ihre neurotischen Widerstände, was Reich auch als den Charakter-Panzer bezeichnet. Obwohl ein Patient verbal beste Einsichten in seine Neurose haben konnte, konnte doch seine Körpersprache die Abwehr des affektiven Wieder-Erlebens seines frühkindlichen Konfliktes signalisieren. Und weil der Charakter-Panzer eine Abwehr gegen eigene libidinöse Impulse bzw. Triebe darstellt, maß Wilhelm Reich dem Orgasmus und der orgastischen Fähigkeit eine so hohe Bedeutung bei.

Wilhelm Reich ist der Vater aller Körperpsychotherapien

Das ist der Grund, warum Wilhelm Reich, der 1939 aus Deutschland in die USA emigrierte, in der 68er-Bewegung so eine große Bedeutung hatte. Seine Bücher „Die Funktion des Orgasmus“ und „Einbruch der sexuellen Zwangsmoral“ waren so populär, dass davon zahlreiche Raubdrucke in den Sechzigern kursierten. Dass Reich auch Sozialist war und zeitweise aktiv in der KPD war, trug sein übriges dazu bei. Später entfernte er sich in seinen Forschungen von der Psychoanalyse und postulierte eine universale Lebensenergie, die er „Orgon“ nannte. Zentraler Forschungsgegenstand wurde daher dass, was er als „Orgonbiophysik“ bezeichnete. In der Unterdrückung dieser orgastischen Lebensenergie sah Reich den Hauptgrund für zahlreiche Missstände in der Gesellschaft. In dieser neurotischen Unterdrückung der Lebensenergie sah er auch die wesentliche Ursache des deutschen Faschismus.

Die emotionelle Pest

Dieses Problem beschrieb er noch näher in seinem Aufsatz „Die emotionelle Pest“. Dort beschreibt er drei Typen von Menschen, den genitalen Charakter, den neurotischen Charakter und den von der emotionellen Pest befallenen. Dabei muss vorausgeschickt werden, dass Reich in dieser Einteilung keine Wertung sieht, sondern dass jeder alles drei in sich trägt und jeder von der emotionellen Pest betroffen sein kann. Der genitale Charakter bezeichnet den gesunden Menschen, der seine Sexualität auf natürliche und freie Weise ausdrücken kann, und der sich mit dem Fluss der Lebensenergie im Allgemeinen im Kontakt befindet. Der genitale Charakter ist für Reich derjenige, der in einem vollständigen Sinne arbeits- und genussfähig ist. Er kann seine Gefühle offen annehmen und durch sie hindurch gehen und sie als Antrieb benutzen, in der äußeren Welt etwas zu ändern.

Das unterscheidet ihn auch vom neurotischen Charakter, der Gefühle von Angst und Wut gegen sich selbst wendet und sich damit in seiner Arbeits- und Genussfähigkeit selbst einschränkt. Er muss einen Charakter-Panzer, also psychosomatische Verhärtungen seines Organismus aufrechterhalten, um seine Lebensenergie bzw. seine Triebe und Gefühle in bestimmte Bahnen zu zwingen, damit keine Konfrontation mit ihnen riskiert wird. Gerade dadurch dass die eigene Ängstlichkeit nicht bewusst und über den Charakter-Panzer rationalisiert wird, wird der neurotische Charakter durch die Angst bestimmt.

Die emotionelle Pest besteht ebenfalls in der Abwehr der orgastischen Lebensenergie und des Liebesbedürfnisses, aber diesmal richtet sich die Abwehr nicht gegen sich selber, sondern gegen andere! Der von der emotionellen Pest Befallene versucht daher, alles was ihn an dieses Liebesbedürfnis erinnert und alles, was frei und fließend ausgedrückt wird, einzuengen, zu (zer)stören und zu töten. Reich zählt daher verschiedene Dinge auf, die seiner Ansicht nach von der Endemie der emotionellen Pest verursacht sind:
„passive und aktive Autoritätssucht, Moralismus, parteiliches Politikantentum, familiäre Pest, sadistische Erziehungsmethoden und deren masochistische Duldung, Tratsch und Diffamierung, autoritärer Bürokratismus, imperialistische (Kriegs-)Ideologien, kriminelle Antisozialität, Pornografie, Geldwucher, Rassenhass, Mystizismus.“

Diese Liste würde ich noch erweitern um Menschenhandel, Prostitution und Kindesmissbrauch, Tierquälerei, bewusste Zerstörung und Verbrechen an der Natur für Profitzwecke, Polizeigewalt und vieles mehr …

„Ein wesentlicher Grundzug der emotionellen Pestreaktion ist, dass Handlung und Begründung der Handlung einander niemals decken. Das wirkliche Motiv ist verdeckt, und ein scheinbares Motiv ist der Handlung vorgeschoben. In der natürlich gesunden Charakterreaktion fallen Motiv, Handlung und Ziel in eine organische Einheit zusammen; nichts daran ist verhüllt.“

Als Beispiel führt Wilhelm Reich den Nationalsozialismus auf:

„… ebensowenig decken sich angegebenes und wirkliches Ziel; im deutschen Faschismus wurde zum Beispiel als Ziel »Rettung und Befriedung der deutschen Nation« angegeben; das wirkliche Ziel war, und zwar charakterlich-strukturell begründet, der imperialistische Krieg, die Unterjochung der Welt und nichts als das; es ist ein Grundkennzeichen des Pestkranken, dass er an das vorgeschobene Ziel und Motiv ernsthaft und ehrlich glaubt; …“ (Fettsetzung durch mich)

Der emotionell Pestkranke neigt daher dazu, sein Verhalten durch Pseudolegitimationen zu rechtfertigen, von denen er subjektiv überzeugt ist. Es gibt vorgeblich rationale Motive zu dieser und jener Handlung. Es ist aber eine Rationalität, die die wahren Motive verbirgt. Diese findet man sowohl bei hochrangigen Politikern (ein mögliches Stichwort wäre Alternativlosigkeit) als auch bei Terroristen wie dem NSU oder Anders B. Breivik. Das wahre Motiv ist immer in der Unterdrückung und Ablehnung eigener genitaler (bzw. libidinöser und emotionaler) Impulse und der folgenden Frustration zu finden, die nach außen gewendet wird. Das eigentliche Motiv ist irrational, wird aber durch Schlagworte und Konzepte wie Tradition, Moralismus und Kultur verdeckt.

Die emotionelle Pest als Metapher

In meinen Augen ist dieses Bild, was Reich zeichnet, eine gelungene Metapher für wesentliche Probleme in unserer Gesellschaft. Dass er die emotionelle Pest als Krankheit auffasst, mag zunächst wie eine Abwertung der „verpesteten“ Menschen anmuten. Tatsächlich aber sagt er klipp und klar, dass auch er selber und Leute in seinem Umfeld, die sich mit diesen Theorien beschäftigen ab und an von der emotionellen Pest befallen werden. Er hält es für die beste Methode, sich in diesen Zeiten zurückzuziehen und darauf zu achten, niemand anderem zu schaden. Auf den zweiten Blick jedenfalls macht es diese Metapher möglich, die emotionelle Pest als strukturelles Problem zu betrachten und darüber hinaus auch die mögliche Heilung in den Bereich des Machbaren zu holen.

Das strukturelle Problem besteht darin, dass Traumatisierungen neue „Traumatisatoren“, also Menschen erzeugt, die aus ihrem Trauma heraus wiederum andere Menschen traumatisieren. Von daher hat die emotionelle Pest tatsächlich einen „ansteckenden“ Charakter. Das Verständnis dieser Menschen als krank, ermöglicht es, ihren verdeckten Irrationalismus nachzuvollziehen und Überlegungen über vorbeugende, enttraumatisierende Erziehungsmethoden anzustellen. Das ist es auch, was Reich fordert. Man kann nicht alle Menschen therapieren, viel sinnvoller wäre es, wenn man hier eine psychohygienische, gesamtgesellschaftliche Prophylaxe etablieren könnte.

Man könnte meinen, dass die emotionelle Pest nicht so schlimm sei, der Faschismus sei ja vorbei und wenn überhaupt wäre heutzutage höchstens eine Minderheit davon betroffen. Dem ist meiner Ansicht nach nicht so. Ich verweise auf Menschen wie Trump, Bannon, Gauland, Höcke. Ein Fall, wo man die emotionelle Pest gut studieren kann und der eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, ist der Fall Gustl Mollath. Auch der Bürokratismus in den Jobcentern und die Sanktionen sind in meinen Augen struktureller Ausdruck der emotionellen Pest. Oder man denke an den Missbrauch von Kindern, wie in der katholischen Kirche.

Was können wir von Wilhelm Reich lernen?

Die Psychologie hat sich seit Freud und Reich wesentlich weiter entwickelt. Obwohl beide damals schon mit Begriffen wie „libidinöse Besetzung“ oder „orgastische Potenz“ das grundlegende Bedürfnis nach Liebe andeuteten, würde man sich heute vermutlich von derart sexualisierten Begriffen abwenden und entweder von Liebesentzug oder von Bioenergetik sprechen. Je nach dem, welcher therapeutischen Richtung man angehört. Obwohl uns Heutigen die Psychoanalyse wohl meistens fremd erscheinen wird, denke ich dennoch, dass Triebe und Sex im Leben der Menschen wahrscheinlich eine wichtigere Rolle spielen, als man allgemeinhin denkt. Und mit der emotionellen Pest hat Wilhelm Reich in meinen Augen den wunden Punkt unserer Gesellschaft treffend beschrieben.

Eine weitere Konsequenz ist, dass wir uns nicht zu sehr auf das rationale Element im menschlichen Dasein verlassen sollten. Wohl jeder kennt das Phänomen, dass es Menschen gibt, die trotz bester Gegenbeweise ihre Scheinwelt nicht verlassen können.  So ist es möglich, dass sich hinter dieser Scheinrationalität, die vor allem im Business- und Politikbereich eine große Rolle spielt, irrationale Sadismen verbergen, die jederzeit ausbrechen können, wenn die Umstände es zulassen.

Ich schließe mit einem Zitat von Brecht aus dem Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Dieses Stück ist eine Analogie auf den Aufstieg Adolf Hitlers.

„Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt‘ einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Dass keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

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