Kreativität in der Postwachstumsökonomie nach Niko Paech

Diese Woche möchte ich gerne auf Kreativität im Rahmen der ökologischen Krise eingehen, in der wir uns im Augenblick befinden. Ob Klimakatastrophe, Artensterben oder Mikroplastik in der Umwelt — die Gegenwart winkt uns mit dem Zaunpfahl, dass es so wie bisher keineswegs weitergehen kann. Ich bin davon überzeugt, dass das den allermeisten Menschen auch bewusst ist, dass wir aber zugleich in Zeiten leben, in der Transformation und Wandel ein Ding der Unmöglichkeit erscheint, und die Kluft zwischen Reichen und Regierenden und Armen und Regierten immer größer wird. Wer auf seine Privilegien nicht verzichten kann, kann auch nicht derjenige sein, der diesen ganz grundlegenden Wandel einleitet. Denn das Problem sitzt tiefer als man denkt.

Wachstum als zentrales Problem der gegenwärtigen Gesellschaft

Aus der Sicht von Niko Paech, Deutschlands bedeutendstem Postwachstumsökonom, ist das Problem nicht unbedingt der Kapitalismus, sondern das Wachstum. Der Wachstumszwang, dem alle Politiker (auch die Grünen) unterliegen ist es, der dazu führt, dass wir mehr und mehr Ressourcen verbrauchen müssen, um das, was wir beschönigend Wohlstand nennen, also unsere materialistische Konsumkultur, in dieser Form weiter zu erhalten. Diese Wachstumslogik ist laut Paech nicht nur ein Phänomen des Kapitalismus, sondern auch des real existierenden Sozialismus gewesen. Von daher ist das Problem größer als die klassische Kapitalismuskritik behaupten mag.

Die ökologische Krise ist eine Krise der Moderne überhaupt

Man kann tatsächlich behaupten, dass es die Krise der Moderne ist, die sich in zeitgenössischen Missständen wie Massentierhaltung, übermäßigem Einsatz von Pestiziden oder Regenwaldabholzung fortsetzt. Die Befreiung oder die Entfremdung von den Kräften der Natur, und der Rückgang des Christentums hat die epochalen Energien der instrumentellen Vernunft und der technischen Innovationen freigesetzt, in deren Strömen wir heute hin und her gerissen werden. Was mal als Emanzipation erschien — was es zum Teil wohl gewesen sein mag — entpuppt sich mehr und mehr als Entwurzelung und schizophrene Dissoziation, als seelischer Zwiespalt unserer Zivilisation. Und tatsächlich ist die Zahl der psychischen Krankheiten ist so hoch wie nie, und mehr und mehr Leute konsumieren Psychopharmaka (in den USA bereits jeder Sechste), was das Problem nicht löst, sondern eher verschlimmert und bestenfalls verschiebt.

Was uns als einziger Ausweg geblieben ist, ist der Technikoptimismus der behauptet, dass so etwas wie grünes Wachstum möglich ist. Niko Paech ist hier äußerst kritisch: „Die Energiewende ist ein Fanal des Scheiterns“. Hierfür gibt es einige Gründe, die ich aber hier nicht aufzählen möchte. Nachlesen kann man das zum Beispiel hier. Es ist also nicht nur so, dass uns monströse Probleme bevorstehen, nein, im offiziellen bzw. gesellschaftlichen Diskurs gibt es kaum sinnvolle Lösungsstrategien. Daher ist es nur folgerichtig, dass die Menschen weltweit anfangen, auf die Straße zu gehen, wie im Rahmen von Fridays for Future. Die Lage ist also nicht ganz aussichtslos.

Kreative Entsagung

Wenn wir diese Analyse akzeptieren stellt sich natürlich die Frage nach möglichen Strategien, wie man dem Trend zur Vernichtung der Ökosphäre entgegenwirken kann. Und an dieser Stelle kommt Kreativität ins Spiel. Denn es braucht Kreativität um eine Umstellung auf Subsistenz (Selbständigkeit, Eigenversorgung) und Suffizienz (möglichst geringer Ressourcenverbrauch) zu vollziehen. Dazu Paech, in einer etwas polemisierenden, zugespitzten Äußerung: „… ich brauche keine neue Hose, ich hab meine alte geflickt. Das ist die radikalste Systemkritik, die es je gegeben hat. Dagegen sind Marxisten Warmduscher.“ So ist zum Beispiel beim Thema Upcycling, also die Wiederverwendung verschlissener Ressourcen in einem neuen Kontext, Kreativität gefragt, wenn ich etwa aus alten Elektroschrott-Teilen nützliche Alltagsgegenstände bauen will.

Voraussetzung dafür ist eine neue Form der Enthaltsamkeit, die unter dem Stichwort Minimalismus neu belebt wird. Es geht darum, dem Imperativ zu konsumieren und sich dafür  in die Mühlräder der 40-Stunden-Woche zu begeben mit einem einfachen, klaren „Nein“ zu begegnen. Daher ist es nur folgerichtig, wenn Paech eine 20-Stunden- oder 15-Stunden-Woche als Normalfall fordert. Für Paech ist das aber kein Verzicht, weil man vielmehr etwas gewinnt: nämlich Zeit, Glück und Freiheit. „Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht. Eine Form der Unabhängigkeit, der Leichtigkeit.“

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung zu beachten: Konsum und Wachstum sind nicht per se schlecht, sie sind es nur, wenn sie materialistisch orientiert sind und daher ein Übermaß an materiellen Ressourcen verbrauchen. Wenn es, im Sinne der Kreativität, um ein Wachstum von Fähigkeiten geht, wie etwas größere Fingerfertigkeit bei Musizieren, dann ist solch ein Wachstum freilich zu begrüßen. Und wenn ich dann diesen Menschen bei einem lokalen Konzert zuhöre, ist das ebenfalls eine schöne und unschädliche Form von „Konsum“ und Freizeitgestaltung. Es geht mit Erich Fromm ganz klassisch um die Unterscheidung von Haben oder Sein.

Lasst uns voneinander lernen!

Kreativität ergibt also im ökologischen Kontext nur dann Sinn, wenn sie dazu beiträgt, weniger materielle Ressourcen zu verbrauchen. Dabei ist Enthaltsamkeit oder Entsagung das Einzige, dass sich prinzipiell nicht von der Wachstumslogik oder vom Kapitalismus vermarkten und vereinnahmen lässt. Daher werden handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten in einer utopischen wachstumsbefreiten Gesellschaft eine eminente Rolle spielen. Dafür sind Reallabore und kulturelle Experimentierfelder, in denen die Möglichkeit besteht, voneinander zu lernen ein wesentlicher Faktor in der großen Transformation hin zu weniger Konsum und mehr Sinn im Leben.

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