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Der Mensch aus Sicht der Systemtheorie

Fangen wir also von vorne an. Was sind eigentlich Systeme? In der einfachsten Definition ist ein System ein Set von untereinander verbundenen Elementen. Häufig sprechen wir von Systemen im Sinne eines statischen Zusammenhangs von Elementen. Deswegen müssen wir statische Systeme von dynamischen Systemen unterscheiden. Statische Systeme oder Systematiken wären zum Beispiel das linnésche System der Pflanzenarten oder die Straßenverkehrsordnung. In diesen Systematiken werden höchstens einmal ein paar Elemente hinzugefügt oder weggenommen, aber das System bleibt im Prinzip gleich.

Die Systemtheorie beschäftigt sich grundsätzlich mit dynamischen, offenen Systemen. Das bedeutet die Elemente eines System interagieren miteinander. Das bedeutet sie befinden sich in Kommunikation miteinander. Diese Kommunikation kann in unterschiedlichen „Sprachen“ passieren: sei es die „Sprache“ der DNA, der Neurotransmitter, menschliche Sprache oder die „Sprache“ des Geldes. Es geht immer um den Austausch von Energie und Information. Dadurch befinden sich dynamische Systeme stets im Wandel. Dynamische Systeme sind zum Beispiel Wetter und Klima, Organismen, wozu natürlich auch der Mensch gehört – sowohl als Individuum als auch im Kollektiv (Familien, Organisationen, Gesellschaften).

Eine Grundannahme der Systemtheorie besteht nach Ludwig von Bertalanffy, einer der wichtigsten Gründer des systemischen Denkens, in der Isomorphie oder zu Deutsch: Gleichförmigkeit. Das heißt, dass man davon ausgeht, dass die Grundprinzipien der Systemtheorie auf verschiedene Wissensbereiche anwendbar sind. Darum ist die Systemtheorie ursprünglich auch in der Mathematik angesiedelt, derjenigen Meta-Wissenschaft, die die logische Sprache für alle Naturwissenschaften bereitstellt. Die Systemtheorie ist daher anwendbar auf Physik, Chemie, Biologie, Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaften und viele Bereiche mehr. Eines der Ziele, das Bertalanffy mit der Entwicklung der Systemtheorie verfolgt hat, ist die Vereinheitlichung aller Wissenschaften und damit auch die Überwindung des Grabens zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.

Emergenz von System-Eigenschaften

Von Aristoteles gibt es den klassischen Satz: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Schauen wir uns zum Beispiel lebendige Organismen an. Sie sind offensichtlich in der Lage auf ihre Umwelt auf vielfältige Arten und Weisen zu reagieren. Dabei gilt die Grundregel dass, je komplexer das Lebewesen aufgebaut ist, es umso mehr Reaktionsmöglichkeiten und Handlungsoptionen hat. Aber woher kommt diese Fähigkeit? Was ist eigentlich Lebendigkeit und wo kann man sie finden? Frühere Naturphilosophien (Wissenschaften im engen Sinne gab es ja die meiste Zeit nicht) haben versucht, das Leben oder den Geist an einem bestimmten Ort zu lokalisieren. Etwa im Herzen (Aristoteles) oder in der Zirbeldrüse (Descartes). Die Systemtheorie behauptet nun: Die Lebendigkeit kann nicht im Organismus lokalisiert werden, da sie eine emergente Eigenschaft vieler zusammenwirkender Elemente ist.

Die Lebendigkeit ist also „nirgends auffindbar“ und dennoch ist sie real, aber nur aufgrund der Wechselwirkung von Zellen und Organen. Viele Organe sind notwendig für das Leben, wie das Herz oder das Gehirn, aber trotzdem ist „das Leben“ nicht „in“ diesen Organen. Vielmehr befindet es sich „zwischen“ den Organen. Das Leben befindet sich im Prozess der Interaktion selbst. Es ist mehr als die Summe seiner Teile, weil es die Kommunikation zwischen den Teilen ist, die die emergente Eigenschaft der Lebendigkeit ausmachen und nicht die Teile selbst. „Emergere“ ist lateinisch und bedeutet soviel wie die „auftauchen, herauskommen oder emporsteigen“. Emergente Eigenschaften finden sich in allen dynamischen Systemen.

Weiterentwicklung durch die Integrale Theorie

„Die Wirklichkeit stellt sich aus heutiger Sicht als gewaltige hierarchische Ordnung organisierter Entitäten dar, eine Überlagerung vieler Schichten, die von physikalischen und chemischen bis hin zu biologischen und soziologischen Systemen reicht. Diese hierarchische Strukturierung und Kombination zu Systemen von immer höherer Ordnung ist für die Wirklichkeit insgesamt kennzeichnend und von grundlegender Bedeutung vor allem für Biologie, Psychologie und Soziologie.“

– Ludwig von Bertalanffy [1]

Basierend auf diesem Grundgedanken greift Ken Wilber den systemtheoretischen Ansatz und vereint ihn mit entwicklungstheoretischen Ansätzen verschiedener Disziplinen: der Entwicklungspsychologie, der Evolutionsbiologie, des zivilisatorischen Fortschritts je auf kultureller und sozioökonomischer Ebene. Für die Biologie sieht dann die evolutionäre Entwicklung etwa folgendermaßen aus:

  1. Atome
  2. Moleküle
  3. Prokaryoten (Zellen ohne Zellkern)
  4. Eukaryoten (Zellen mit Zellkern)
  5. Neuronale Organismen (z.B. Würmer)
  6. Rückenmark (z.B. Fische)
  7. Reptilienhirn
  8. Limbisches System (z.B. Frühe Säugetiere)
  9. Neokortex (z.B. Menschen und Delfine)

Die Wirklichkeit besteht also aus ineinander verschachtelten Systemen. Der Mensch verknüpft alle vorher genannten Entwicklungsstufen. Es besteht aus Atomen und Molekülen aus Viren, Bakterien, Gewebe und Organen und aus einem komplexen Nervensystem die alle vorherigen inkludieren. Ein Fisch hingegen schließt ebenfalls alle vorhergehenden Stufen mit ein, aber die ihn nachfolgenden Stufen nicht. Ein Fisch besitzt nun einmal kein limbisches System. Von der Komplexität her befindet sich der Fisch darum entwicklungsgeschichtlich auf einem niedrigeren Level als etwa ein Pferd.

Anwendung auf menschliche Systeme

Der systemtheoretisch-evolutionäre lässt sich nun auch auf die menschliche Psyche anwenden:

  1. Reizbarkeit
  2. Empfindungen
  3. Wahrnehmungen
  4. Impulse
  5. Emotionen
  6. Symbole
  7. Begriffe
  8. Operationales Denken (konkret und operational nach Piaget)
  9. Schau-Logik (Begriff von Wilber; man könnte es auch als integrales Denken bezeichnen)

Und zuletzt auch auf kollektiver Ebene:

  1. Frühe Urmenschen / Horde
  2. Erste Sprache und Werkzeuge / Clans
  3. Stammesgemeinschaften und Dörfer
  4. Erste Kleinstädte und Stadtstaaten
  5. Großreiche und Hochkultur
  6. Imperien und Staaten
  7. Banken, Unternehmen und Konzerne / freie Marktwirtschaft
  8. NGOs, Supranationale Organisationen (z.B. EU),
  9. Digitalisierung und dezentrale Netzwerke (z.B. Kryptowährungen oder Social Media)

Wenn wir also menschliche Systeme erweitern und verbessern wollen, müssen wir verstehen, dass die Wirklichkeit insgesamt systemtheoretisch verstanden werden kann und unser Denken dementsprechend anpassen. Dann können wir uns auf die Suche begeben nach konkreten Methoden und Hilfsmitteln, um verschiedene Aspekte eines bestimmten Systems im Rahmen eine Coachings, sei es für Einzelpersonen oder Teams, anzugehen. Deswegen habe ich in der folgenden Tabelle Methoden für das tiefere Verständnis und für ein schöneres Gestalten von Systemen gesammelt.

 

Komplexe menschliche Systeme – Ansätze für Beratung, Therapie und Innovation

Komponenten

Problemraum: Verstehen

Lösungsraum: Gestalten

Elemente

Empathie, inneres Team,

Teile-Arbeit

Verbindung

Rollenspiel, Stakeholder Theatre, 1:1 Feedback

Mediation, GfK, Wertschätzung, aktives Zuhören

Netzwerk

Systemische Aufstellungen (gehört auch zu gestalten), Stakeholder-Map, inneres Team, zirkuläre Fragen

Community Building, Merger & Acquisition, Skalierung, Teamentwicklung

Emergenz

Vogelperspektive, 4 Quadranten

Strategische Planung, Facilitation

Ebenen

Visionspyramide, Spiral Dynamics, Maslow-Pyramide

Organisations-Design, Führung

Zustände

Skalen-Fragen, Skalen-Aufstellungen, klassische Evaluation und Befragungen

Hypnose, Theory U

Selbstorganisation

Achtsamkeit, Ressourcen- Analyse,  Stärken identifizieren

Therapie, (Paradoxe) Interventionen, Flywheel (für Unternehmen)

Dynamik

analytische Psychologie, 3-Phasen-Modell (Lewin), Trauma & Kreativität, Grundkonflikte des Menschen

Facilitation, User Journey, Trauma-Integration, Skalierung

Wechselwirkung

Marktforschung, Energie-Bilanz, Transaktions-Analyse

User Journey Design, Marketing, Transakt. Führung

Weitere Modelle über Menschliche Eigenschaften

Methoden für die systemische Arbeit mit komplexen, menschlichen Problemen

[1] zit. nach: Wilber, Ken: Eros, Kosmos, Logos. Eine Jahrtausend-Vision. S. 75.

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