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Kreativität bei Nietzsche, 1. Teil: Der Übermensch

Am bekanntesten ist Nietzsche sicherlich für seine provokante Aussage, dass Gott tot sei. Dies steht auch im Zusammenhang mit dem Thema Kreativität. Im vorigen Artikel zu „Kreativität bei Platon“ hatte ich erwähnt, dass Kreativität lange mit Gott assoziiert worden ist. Kreativität als Schaffung aus dem Nichts ist nur dem Gott vorbehalten, der aus nichts etwas machen kann. Der Mensch kann nach Platon nur kreativ sein, indem er aus der göttlich inspirierten Hochstimmung (mania) schöpft. Nietzsche hat sich viel mit Platon und Sokrates auseinandergesetzt, und beantwortet die Frage nach der Kreativität anders. Dafür möchte ich mich mit zwei wichtigen Gedanken Nietzsches beschäftigen: das eine ist der Übermensch, das andere das Begriffspaar apollinisch & dionysisch.

Der Tod Gottes

In seinem wohl wichtigsten Werk „Also sprach Zarathustra“, die von dem fiktiven Propheten Zarathustra handelt, der beschließt, sein Asketentum bzw. Einsiedelei aufzugeben und das einfache Volk zu belehren, lässt Nietzsche diesen den Übermenschen lehren. Voraussetzung für die Lehre des Übermenschen, ist die These, dass Gott tot ist. Nietzsche war kein Atheist in dem Sinne, dass er einen Gott für unmöglich hielt. Gott ist tot, das heißt aber auch, dass er vorher lebendig gewesen sein muss. Wie ist er dann aber umgekommen? In Nietzsches berühmter Fabel „Der tolle Mensch“ aus der „Fröhlichen Wissenschaft“ wird diese Frage beantwortet:

„Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie [die Leute auf dem Markt] mit seinen Blicken. »Wohin ist Gott?« rief er, »ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an?“

Man muss sich also vor Augen führen, welche Radikalität und Drastik in der Aussage liegt, dass wir Gott getötet haben. Nietzsche wird oft fälschlicherweise als Nihilist verstanden. Im Grunde genommen ist er aber das genaue Gegenteil. Ich werde noch darauf kommen, warum er kein Nihilist ist. Nietzsche jedenfalls bezeichnet vielmehr die als Nihilisten, die den Tod Gottes zu verantworten haben, und damit meint er insbesondere weltverneinende Philosophien und Christen, die den (christlichen) Gott in ein quasi-unerreichbares, überirdisches Jenseits versetzt haben, das nur durch totalen Selbstverzicht und damit durch aufopferungsvolle Leib- und Lustfeindlichkeit erreicht werden kann. Dadurch haben sie Gott den Menschen fortgenommen, der nun verlassen und „vom leeren Raum angehaucht“ auf sich gestellt ist.

Der ÜbermenschGod is dead Nietzsche is dead

Anders als der dennoch amüsante Witz hier an der Seite impliziert, ist der Tod Gottes keine Behauptung oder ein Urteil vonseiten Nietzsches, sondern aus seiner Sicht eher eine Diagnose. Nietzsche bejaht den Nihilismus nicht, sondern findet ihn vielmehr vor und deckt ihn auf. Doch was zieht er für Schlussfolgerungen daraus? — Die Lehre vom Übermenschen. Am besten lassen wir seinen Zarathustra selbst sprechen:

„Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden? Alle Wesen bisher schufen Etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser grossen Fluth sein und lieber noch zum Thiere zurückgehn, als den Menschen überwinden? Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.“

Wie hier schon ersichtlich wird, handelt es sich beim Übermenschen um eine quasi-evolutionäre Kontinuität. „Quasi-evolutionär“ deswegen, weil der Mensch nun sein Schicksal in die eigene Hand nimmt, statt sich von der blinden Evolution selektieren zu lassen. Des weiteren handelt es sich hier um ein rein irdisches Streben nach Vervollkommnung. Der Übermensch ist kein übersinnliches Wesen, sondern eine reale Möglichkeit, die vorerst allerdings ein Ideal bleibt. Die Frage, ob und wann der Übermensch da ist, bleibt offen.

Zarathustra: „Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde! Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.“ Der Tod Gottes also und die Lehre vom Übermenschen sollen dem Menschen also die Verantwortung und die Kraft geben, sich selber und sein Schicksal schöpferisch und kreativ zu gestalten. Der Übermensch ist das Gegenbild zum christlichen Heiligen, der sich in seiner Askese und Gottgefälligkeit selbst vollständig aufgeopfert hat. Der Übermensch soll die innere Stärke und Kraft symbolisieren, die der Mensch verwirklichen kann und soll. Er soll sich von der Religion lösen, weil er sich aus einer Schwäche und Unterlegenheit heraus von Gott abhängig gemacht hat. Deswegen versteht sich der Zarathustra als genuinen Lebensbejaher.

Kreativität bei Zarathustra

Nun also kann ich endlich auf den Zusammenhang vom Übermenschen und Kreativität eingehen. Der Übermensch stellt einen Bruch mit dem Menschen dar. Der Übermensch ist aber nicht einfach eine Negation des Menschseins, sondern gibt ihm eine Mittlerstellung zwischen Tier und Übermensch. Der Mensch hat Potenziale, deren Sinn es ist, entfaltet zu werden. Die abgeschlossene Entfaltung wird vom Übermenschen versinnbildlicht. Daher hat der Mensch die Aufgabe „Pfeile der Sehnsucht“ an das andere Ufer des Übermenschen zu schießen. Nietzsche stellt geistesgeschichtlich eine Wende dar, in der es nicht mehr darum geht, aus dem Göttlichen, sondern aus dem Innerlichen heraus zu schöpfen.

Nicht umsonst gilt Nietzsche als der philosophische Wegbereiter der Psychoanalyse und Psychologie, und hat von Freud über Alfred Adler und C.G. Jung bis hin zu Rank und Wilhelm Reich Anerkennung gefunden. Freud bemerkte über ihn, dass „dessen Ahnungen und Einsichten sich oft in der erstaunlichsten Weise mit den mühsamen Ergebnissen der Psychoanalyse decken …“. Eine bemerkenswerte Feststellung! Zum Abschluss zitiere ich Rüdiger Safranski, einen interessanten zeitgenössischen Philosophen, der auch ein Buch über Nietzsche geschrieben hat:

„Nietzsches Bild vom Übermenschen ist ambivalent, und es verbirgt sich darin ein existenzielles Drama. Der Übermensch repräsentiert einen höheren biologischen Typus, er könnte das Produkt einer zielstrebigen Züchtung sein; er ist aber auch ein Ideal für jeden, der Macht über sich selbst gewinnen und seine Tugenden pflegen und entfalten will, der schöpferisch ist und auf der ganzen Klaviatur des menschlichen Denkvermögens, der Phantasie und Einbildungskraft zu spielen weiß. Der Übermensch realisiert das Vollbild des Menschenmöglichen, und darum ist Nietzsches Übermensch auch eine Antwort auf den Tod Gottes.“

>> Zum 2. Teil. <<

2 Gedanken zu “Kreativität bei Nietzsche, 1. Teil: Der Übermensch”

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