Kreativität bei Nietzsche, 2. Teil: Apollinisch & Dionysisch

Im vorherigen Artikel bin ich auf Nietzsche im Zusammenhang mit seiner Theorie vom Übermenschen auf die Kreativität eingegangen. Hier im zweiten Teil zu Nietzsche möchte ich jetzt auf ein wesentliches Begriffspaar aus dem Frühwerk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ eingehen, welches Nietzsche in seinem 27. Lebensjahr veröffentlichte. Denn bevor sich Nietzsche der Philosophie zuwandte, war er Philologe, und hat sich daher ausführlich mit allen griechisch-antiken Schriften die es gibt, auseinandergesetzt. In der „Geburt der Tragödie“ entwickelt er eine eigene Position, was die Mentalität der antiken Griechen angeht.

Der heitere Grieche?

Mit der Rückbesinnung auf die Antike seit der Renaissance, und auch in der deutschen Klassik mit Goethe und Schiller herrschte das Bild des heiteren Griechen vor. Goethe schätzte die Humanität und das Lebensnahe, das Wirklichkeitstreue der Griechen bei gleichzeitiger Fähigkeit zum Schwärmen und zum Träumen. So schrieb Goethe an den Philologen Böttiger: „Beim erneuerten Studium Homers empfinde ich erst ganz, welches unnennbares Unheil der Jüdische (‚und Christliche‘ heißt es in einigen Dokumenten) Praß uns zugefügt hat. Hätten wir die Sodomitereien und Ägyptisch-Babylonischen Grillen nie kennen lernen, und wäre Homer unsere Bibel geblieben! Welch eine ganz andere Gestalt würde die Menschheit dadurch gewonnen haben!“

Nietzsche hingegen sieht in der hellenischen Seele einen schwerwiegenden Zwiespalt, aus welchem die hehre Philosophie und die klassische Tragödie entstanden ist. So zitiert er am Anfang des Buches eine alte griechische Sage: „Es geht die alte Sage, daß König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: »Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben.«“

Die Beschwerlichkeit des Daseins

Aus dieser Geschichte schloss Nietzsche, dass den Griechen die Entsetzlichkeiten, Grauen und Beschwerlichkeit des menschlichen Daseins durchaus bekannt und gegenwärtig waren. Sagen und Mythen sind immer ein Ausdruck des (kollektiven) Unbewussten. So gelesen wird deutlich, und das ist Nietzsches Schluss, dass die Griechen die Philosophie und die Tragödie nötig hatten und sie nicht aus reiner Lebenslust heraus schufen. Die Griechen kannten den Pessimismus und die Schwermut. Aus dieser Einsicht heraus entwickelt Nietzsche den Gegensatz von apollinisch & dionysisch.

Apollon in Versailles

Apollon ist in der griechischen Mythologie der Gott des Lichts, des Frühlings, der Sittlichkeit und Mäßigung, der Künste und der Medizin. Es gibt die Vermutung, dass der Name von Apollon von a-pollon kommt, was so viel heißt, wie nicht-viele. Man könnte ihn daher als Gott der Einheit und Integration bezeichnen. Dionysos hingegen ist bekanntlich der Gott des Weines und des Rausches. Er steht für Auflösung, Ekstase, Übermaß und Überschwang, Leidenschaftlichkeit und Temperament, für die Mystik des berauschten, tranceartigen Einssein mit dem Kosmos.

Der Zwiespalt des Schöpferischen

Ebenso konzipiert Nietzsche dieses Begriffspaar als zwei Möglichkeiten, kreativ zu werden. Wer aus dem Traum und dem Träumerischen, aus Eingebungen, Inspirationen und aus Freude heraus kreativ wird, den würde Nietzsche eher als apollinisch bezeichnen, während einer, der aus dem Rausch und der Auflösung, aus der musikalischen Stimmung und aus dem narkotischen Überschwang schöpft, eher als dionysisch bezeichnet werden

Dionysos von Michelangelo

müsste. Ideal ist es natürlich, und so war es denn nach Nietzsche auch bei den Griechen, wenn man beide Quellen zur Verfügung hat. Gerade aus dem Zwiespalt heraus, das Schöne zu wollen, das Hässliche aber nicht zu vergessen, entsteht aussagekräftige Kunst! Das gilt nicht nur für Schönheit und Hässlichkeit, sondern auch für Gutheit und Schlechtheit, für Sinn und Sinnlosigkeit, für Freude und Schwermut et cetera …

Apollinischer Kreativität haben wir also die segensreichen zivilisatorischen Errungenschaften unserer Vorfahren zu verdanken, auf welchen auch unsere heutige Gesellschaft beruht. Das Apollinische hat daher immer den Charakter des „Bollwerks“, das sich in einer lebens- und menschenfeindlichen Welt behaupten muss. Das Apollinische strebt nach Ordnung und Harmonie, nach Festigkeit, Dauer und Systematik. Nietzsche konstatiert bei Platon und in der antiken Philosophie überhaupt einen starken Hang zum Apollinischen, der seiner Ansicht nach jedoch auf dem dionysischen Umgang mit den Widrigkeiten des Daseins beruht, bzw. seinen notwendigen Antagonisten hat.

Der kreative Mensch und die Integration

Interessant ist, dass sich das Klischee des Kreativen, gerade unter Schriftstellern, Künstlern und Musikern, zum dionysischen Typus hin verschoben hat. Die gescheiterte Existenz, die zwischen Exzess und Entzug hin und herschwingt, scheint in den Augen unserer Zeit größeres kreatives Potenzial zu besitzen, als derjenige der seine Kreativität in systematischen, ebenmäßigen Formen ausdrückt. Letzterer wird sowieso immer in der Minderzahl und eher unerkannt bleiben in den Massen, die im dionysischen Rausch und der Musik verloren gehen. Die Festivals, die bei jedem besseren Wetter stattfinden und die Clubs die nachtein und nachtaus ihre Türen öffnen, könnte man ohne Not als Ekstase-Industrien bezeichnen, die ihr Geld einzig mit der Bereitstellung exzessfähiger Umweltsituationen verdienen.

Daher kann man mit Nietzsche sagen, dass Kreativität eine integrative Angelegenheit ist, die versucht, das absurde Auseinanderklaffen der Realitäten in einem nichtreduktiven Sinne zu vereinigen oder zumindest auszuhalten. Sie versucht durch sich selbst die Rechtfertigung zu sein, durch die es möglich wird, etwas Dauerhaftes von Wert gegen die monumentalen Winde allumfassender Vernichtung zu stellen, wenn ich einmal so pathetisch werden darf. Kunst ist mehr als die bloße Schöpfung, sondern man kann durch sie das Widersprüchliche, sowie den Umgang mit diesem sichtbar werden lassen. Allgemeiner gesagt ist der Widerspruch nicht etwas, über das man schweigen soll, oder das man ignorieren kann, sondern den man aushalten muss! Man muss sich des Widerspruchs bewusst sein und ihn benennen können – dafür bekommt man die Möglichkeit, aus der Unvereinbarkeit der Extreme kreative Mittelwege zu finden!

Wie sieht die Kreativität aus bei:
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