Hundertwasser, Kreativität und Ökologie

Hundertwasser war ein sehr radikaler Künstler, der stets versuchte, seinen Zeitgenossen ins Gewissen zu reden. Hundertwasser war sich darüber im Klaren, dass unsere Art, die Welt zu behandeln und zu gestalten, in sich  selbst zerstörerisch ist. Ich kann die sehr lesenswerte Rede Hundertwassers „Zur Ökologie“ empfehlen. So sprach sich Hundertwasser vehement gegen die Dominanz der geraden Linie in Kunst und insbesondere Archtitektur aus. Jeder kann das Selbstexperiment in der eigenen Wohnung machen, oder an anderen Häusern, einmal die Anzahl der geraden Linien zu zählen. Man wird schnell feststellen, dass wir fast ausschließlich innerhalb von geraden Linien und das heißt innerhalb von Rechtecken leben. Die Natur allerdings kennt keine Rechtecke oder Quadrate, sie bevorzugt das Krumme und die Krümmungen. Organisches entsteht nicht in Geraden.

Die fehlgeleitete Zivilisation

Daher war Hundertwasser der Ansicht, dass die gerade Linie uns psychisch krank mache – eine Ansicht die gewagt ist, aber einer gewissen Plausibilität nicht entbehrt. Die gerade Linie ist ein Beispiel von vielen, warum wir nach Hundertwasser in einer fehlgeleiteten Zivilisation leben und die Zeichen mehren sich, dass er mit dieser Ansicht richtig lag (damit meine ich, dass sich der Raubbau an der Natur und die strukturelle Gewalt unvermindert fortsetzen). Besonders anschaulich beschreibt Hundertwasser das grundlegende Problem in der genannten Rede:

„Einen Baum schneidet man in 5 Minuten um. Zum Wachsen braucht er aber 50 Jahre. Das ist ungefähr das Verhältnis zwischen technokratischer Zerstörung und ökologischem Aufbau.“

Das passt auch ganz gut zu meinem Beitrag über Schumpeter und der schöpferischen Zerstörung, die für ihn zentrales Merkmal des Kapitalismus ist und zum Beitrag über Niko Paech und Postwachstumsökonomie. Beispielsweise war Mitteleuropa ursprünglich eine Gegend voller Wälder, die aber schon im ausgehenden Mittelalter weitgehend abgeholzt worden sind. Deshalb gibt es in Deutschland nur noch vereinzelt Urwälder. Die meisten Wälder sind eigentlich nur Forste. Daran sieht man, dass der Wachtumsdrang sich schon im Mittelalter Bahn gebrochen hat und sich bis heute fortsetzt. Die Probleme der Menschheit haben ihren Ursprung also schon einige Generationen vorher, was es so schwierig macht, sie von ihrer Wurzel an zu beseitigen, da die Probleme schon über einen langen Zeitraum in unserer Gesellschaft als „normal“ akzeptiert sind. Jede Generation gewöhnt sich an die Missstände, die in der vorigen Generation entstanden sind.

Die Lösung liegt im Inneren

Darum sind wir selbst Teil des Problems. Plakativ gesagt müssen wir gegen uns selbst vorgehen, wenn wir gegen die ökologische Krise vorgehen wollen. Das bedeutet natürlich nur, dass es Bestandteile oder Verhaltensweisen in unserem Leben gibt, die bereits durch die Geschichte kompromittiert sind, und die es abzulehnen und zu verneinen gilt. Bestes Beispiel dafür ist der Anspruch, ein oder zwei Mal im Jahr in den Urlaub zu fliegen. Ein Recht, dass uns als selbstverständlich gilt, weil wir daran gewöhnt sind, dass wir jederzeit an jeden Ort können. Der im vorigen Beitrag thematisierte Niko Paech fragt daher ganz richtig, woher wir eigentlich das Recht nehmen, solch einen großen ökologischen Fußabdruck nur für unser eigenes Vergnügen zu hinterlassen. Es gibt kein Recht dafür. Nur weil es legal ist, heißt das noch nicht, dass es moralisch auch gerechtfertigt ist.

Zumal es die Menschen auch nicht glücklich macht, weil für Hundertwasser das wahre Glück im Inneren zu finden ist: „Um glücklich zu sein, braucht der Mensch keinen äußeren Reichtum. Um glücklich zu sein, braucht der Mensch einen inneren Reichtum der Seele. Um glücklich zu sein, braucht der Mensch keine mechanische Energie, sondern eine innere schöpferische Energie.“ Mit dieser schöpferischen Energie in Kontakt zu treten, bedeutet sich frei und authentisch ausdrücken zu können. Und das ist eine Form von Reichtum, den man haben kann, ohne die Ressourcen der Erde zu verschwenden. Diese Form des Reichtums erschöpft sich nicht, sondern erhält sich selbst.

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