Kreativität am Arbeitsplatz – der Steelcase-Report

Nachdem ich in meinen letzten Blogeinträgen auf Oscar Wilde, Friedrich Nietzsche und Platon eingegangen bin, möchte ich heute mal einen kleinen Exkurs machen zu einer Studie, auf die ich in meinen Recherchen zum Thema Kreativität gestoßen bin. Denn ein Ergebnis dieser Studie hat mich besonders überrascht!

Wer befragt worden ist

Die Studie wurde von der Firma Steelcase gemacht und nennt sich deswegen auch Steelcase-Report. Steelcase ist ein multinationaler Konzern für Büromöbel und Inneneinrichtungen, die ziemlich modern gestaltet sind. Diese Firma hat seinen Sitz in München und hat online knapp 5000 Menschen zum Thema Kreativität am Arbeitsplatz befragt. Diese 5000 Menschen befanden sich in sechs der größten Volkswirtschaften (USA, Deutschland, England, Frankreich, Spanien und Japan). Auffällig ist, dass es sich, bis auf Japan, um westliche Industrienationen handelt, die schon ein bestimmtes Level an wirtschaftlicher und kapitalistischer Entwicklung erreicht haben. Im Rahmen der Fragestellung aber macht es wahrscheinlich auch Sinn, da ich mir vorstellen könnte, dass Länder, deren Wirtschaft hauptsächlich im Agrarbereich besteht, sowieso einen großen Anteil an monotoner bzw. unkreativer Arbeit aufweisen. Aber ich will jetzt keinen großen Diskurs zum Thema Eurozentrismus anzetteln, ich wollte es nur einmal erwähnt haben.

McKinsey und die Automatisierung der Arbeitswelt

Die Studie bezieht sich auch auf die amerikanische Beratungsagentur McKinsey, die in einer Studie die Prognose abgibt, dass bis 2055 die Hälfte der heutigen Jobs automatisiert werden könnten. McKinsey berät über zwei Drittel der an der amerikanischen Börse vertretenen Unternehmen, sowie auch eine Mehrzahl der Unternehmen am DAX. Darüber hinaus mischen sie sich auch in die deutsche Politik ein, etwa indem sie die CDU bei ihrem Sozialprogramm beraten, die Arbeitsagentur für Arbeit bei ihrer Umstrukturierung zu HartzIV (wofür sie knapp 200 Millionen Euro bekommen haben), das Innenministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge („Berater organisieren das Bundesamt wie eine Fabrik“). Außerdem spielen sie eine Rolle bei deutschen Rüstungskäufen und bei Steuerflucht. Es ist also nicht nur schwierig, solche Prognosen überhaupt aufzustellen, da sie sich meist doch nicht bewahrheiten, nein auch McKinsey selbst ist ein neoliberales und global interagierendes Netzwerk, welches im Rahmen einer bestimmten Ideologie handelt, und daher nicht interessefrei ist.

Deswegen sind Aussagen über die umfassende Automatisierung von Arbeit, die sich meist auf die McKinsey-Studie berufen, mit Vorsicht zu genießen. Nichtsdestotrotz ist natürlich etwas dran, dass sich unsere Arbeitswelt zunehmend verändert. Dies ist — auch für McKinsey — ein schleichender Prozess, der sich in den nächsten Jahrzehnten vollziehen wird. Außerdem, so stellen sie fest, sind im Augenblick nur 5% der Jobs vollständig automatisierbar (die Daten beziehen sich auf die USA). Das heißt, die meisten Jobs, so wie sie heute existieren, können gar nicht einfach durch KI und Roboter ersetzt werden, sondern nur teilweise. Damit wird meines Erachtens eher eine Verschiebung von Arbeitsstrukturen stattfinden, denn eine Ersetzung menschlicher Arbeit durch maschinelle.

Die Ergebnisse der Studie

Damit komme ich zurück zum eigentlichen Thema. Kreativität spielt nach dem Steelcase Report insgesamt bei knapp drei Viertel (74%) der Arbeitnehmer wöchentlich oder sogar täglich eine Rolle. Nach Ländern verteilt, und das war das Ergebnis, das mich wirklich überrascht hat, ist Deutschland da auf Platz 1, mit 83% wöchentlicher oder täglicher Kreativität am Arbeitsplatz. Anders also als die stromberghafte Vorstellung von einem Land voller Großraumbüros, in denen mehrheitlich monotone Arbeiten verrichtet werden, ist die große Mehrheit der Arbeitnehmer hierzulande regelmäßig kreativ tätig. Der Begriff von Kreativität besteht hier im übrigen mehrheitlich (61%) darin, Probleme auf eine neue Art und Weise zu lösen. Knapp hinter Deutschland stehen die USA (82%) und auf dem letzten Platz befindet sich Japan, hier sind knapp die Hälfte (46%) monatlich oder nie kreativ. Dies hängt, so denke ich, vor allem mit historischen und kulturellen Unterschieden zusammen. Interessant wäre in diesem Kontext, wie sich Japan zu seinen umliegenden asiatischen Nachbarn verhält.

Das Bedürfnis nach Kreativität ist in Japan entsprechend höher. Hier wollen die meisten Arbeitnehmer kreativer werden. In Deutschland hingegen, wünschen sich die meisten Arbeitnehmer in Zukunft, dasselbe Maß an Kreativität zu halten, oder sogar weniger kreativ zu werden! Wir haben in Deutschland schon eine große Kreativindustrie, und vor allem die jungen Menschen sind sehr häufig kreativ tätig: „88 % der Generation Z geben an, mindestens wöchentlich Kreativität sein zu müssen, gefolgt von 77 % der Generation Y und im Vergleich zu nur 70 % der Generation X.“ Für Beratung und Teamentwicklung bedeutet dass, das es nicht die Aufgabe ist, Kreativität herzustellen, sondern eher zu fördern. Das Klientel ist schon kreativ und daher auch an Methoden zur Förderung von Kreativität interessiert und offen dafür.

Wie sind diese Ergebnisse zu verstehen?

Zuletzt stellt sich mir die Frage, was das heißt, dass Deutschland was Kreativität anbelangt auf Platz 1 in dieser Studie ist. Hier spielen meines Erachtens verschiedene Faktoren eine Rolle: Erstens ist Deutschland in erster Linie eine Dienstleistungsgesellschaft, die große Teile ihrer industriellen Produktion schon automatisiert hat. Und vieles an Produktion von Gütern findet im Ausland statt. Deutschland als wohlhabendes Land hat, wie die anderen westlichen Industrienationen weite Teile der monotonen Arbeiten also „outgesourct“. Zweitens können wir in den letzten Jahrhunderten einen Verfall an Traditionen und einen Verfall klassischer Rollenzuschreibungen feststellen (ganz wertfrei und faktisch gemeint), in dem Orientierung Not tut. Vielleicht ist Kreativität also eine Tugend, die aus der Not heraus geboren worden ist. In diesem Zusammenhang spielt drittens ja auch die Neoliberalisierung der Arbeitswelten eine Rolle und der zunehmende Abbau des Sozialstaats. Gleichzeitig verstärkt sich in meinen Augen die Tendenz zur Selbstausbeutung, um in diesem System zu bestehen. Damit geht den Menschen das wichtige Gefühl der Sicherheit verloren, was sich am Erstarken nationalkonservativer bis faschistischer Strömungen überall in der Welt bemerkbar macht.

Viertens aber, und das ist denke ich ein sehr wichtiger Faktor, bemerken die Menschen in Deutschland, dass es so nicht weitergehen kann, und dass zur Lösung der gravierenden Probleme kreatives Denken und Handeln erforderlich geworden sind. Das macht sich vor allem daran bemerkbar, dass vermehrt Menschen im ökologischen bzw. im weitesten Sinne therapeutischen Bereich (Bildung, soziale Berufe, Coaching, Psychologie, Spiritualität …) tätig werden wollen. Hierin liegt ein mächtiges Potenzial zur Wandlung unserer Gesellschaft, das wir nie unterschätzen dürfen!

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